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Gebäude sollen dauerhaft grün werden
08 20

Gebäude sollen dauerhaft grün werden

Wie Fassaden- und Dachbegrünungen nicht nur dem Klima nützen, sondern auch das Wohlbefinden der Bewohner steigern.

In diesem Jahr ist eine Norm zur Vertikalbegrünung von Gebäuden im Außenraum vor der Fertigstellung – die ÖNORM L 1136. Dann wird Österreich drei Normen für Bauwerksbegrünung haben: die L 1131 für Dachbegrünung, die L 1133 für Innenraumbegrünung und eben die L 1136 für die Vertikalbegrünung außen. Womit in Österreich dann alles, was man an und im Bauwerk an Begrünung unterbringt, einen technischen Standard hat. Und das ist dreifach gut so: „Einmal fürs Gebäude, weil dessen Hülle geschützt wird bzw. die UV-Strahlen abgehalten werden, zweitens für die Bewohner, weil sie diesen Schutz der Gebäudehülle thermisch auch nach innen spüren, und drittens gut wegen der Wirkung nach außen, indem zum Beispiel die vom Gebäude abgehende Strahlungstemperatur deutlich reduziert wird“, fasst Christian Oberbichler, Geschäftsführung Dachgrün GmbH Wien, vorweg schon zusammen. Ein Betonblock strahle die Temperatur bis tief in die Nacht ab, ein begrüntes Gebäude nicht, da diese Energie von den Pflanzen in Verdunstungskühlung umgesetzt werde und diese Oberfläche sich nicht entsprechend erhitze, wie es etwa bei einem massiven Bauteil der Fall sei. Belegt sei auch eine starke Minderung der Schallbelastung im Straßenraum durch Wandbegrünung, und zwar alle Wandbegrünungssysteme betreffend.

Bei diesen Normen für Bauwerksbegrünung gibt es für Oberbichler einen ganz wichtigen Aspekt: „Wir wollen Begrünungen über die gesamte Lebensdauer von Bauwerken erhalten, denn nur wenn die Pflanzen über Jahre wachsen und gedeihen, können sie ihre Aufgabe für die Umwelt, die BewohnerInnen und das Klima wahrnehmen. Wirklich dauerhafte, Begrünungen erfordern aber natürlich einen größeren technischen Aufwand und eine größere Vorbereitung, als wenn man irgendwo schnell etwas anbringt. Das ist der wesentliche Unterschied.“

Dachbegrünung plus Photovoltaik

Im Bereich der Dachbegrünung ist derzeit das Solar-Gründach stark im Trend – die Verbindung von extensiver Dachbegrünung und Erneuerbaren Energien auf demselben Quadratmeter Nutzfläche. „Das heißt, die Halterung für die Solarpaneele ist direkt in die Drainage- und Speicherebene des Gründachaufbaus integriert; der Dachbegrünungsaufbau übernimmt durch sein Gewicht von Substraten und Pflanzen die Auflasthaltung der Solaranlage“, erklärt Vera Enzi, Geschäftsführung Grünstattgrau Forschungs- und Innovations GmbH, das System. Im „intensiven“ Bereich („intensiv“ und „extensiv“ beschreiben beim Gründach jeweils die im Wurzelraum zur Verfügung stehende Aufbauhöhe) könne die Photovoltaik auch in Form von Pergola-Konstruktionen aufgebracht werden. Darunter entstehe dann auch ein durch uns Menschen nutzbarer beschatteter Raum.

In der Norm für die Vertikalbegrünung im Außenraum wird es bezüglich Umsetzungsformen drei Klassifizierungen geben: bodengebundene, troggebundene und wandgebundene Vertikalbegrünungen. Unterschieden wird bei Wandgrün-Systemen auch zwischen „blühender Fassade“ und „hängendem Garten“, wobei die Unterschiede vor allem in der Auswahl der Pflanzen liegen. Bei der blühenden Fassade wird eine „extensive Wiese“ quasi über der Fassade ausgebreitet, mit möglichst trockenresistenten und genügsamen Pflanzen. Bei dem hinsichtlich Versorgung und Pflege anspruchsvollerem hängenden Garten enthält die Pflanzengemeinschaft auch Arten und Sorten wie einen Lavendel, viele Kräuter und Blühstauden.

Bewässerungssysteme

Wo es niemanden gibt, der sich für die Pflege der Begrünung verantwortlich fühlt und in Trockenzeiten die Pflanzen gießt, ist die Installation einer automatischen Bewässerungsanlage natürlich sehr von Vorteil. „Hier ist die Entwicklung inzwischen auch sehr weit fortgeschritten – bis hin zur Bewässerungsanlage, die nicht nur automatisch zeitgesteuert wird, sondern auch sensor-gesteuert sein kann und wo zum Beispiel auch die Bodenfeuchte gemessen wird“, erklärt Christian Oberbichler. Meistens sei diese Steuerung auch gekoppelt mit einem Frost-Sensor und einem Niederschlag-Sensor, mittlerweile oft auch schon verknüpft mit Wetterstationen – und über Internetanschluss fernsteuerbar. Es gebe auch schon Handy-Apps, über welche man selber oder der betreuende Dienstleister auf die Steuerungsanlage zugreifen und einerseits die Werte auslesen könne, wie viel wann gegossen wurde, und man fernwartungsmäßig entweder die Wasserzufuhr unterbrechen oder Bewässerungszeiten oder Sensorwerte verändern könne.

Kein rein urbanes Thema

Ist Bauwerksbegrünung ein rein urbanes Thema? Vera Enzi: „Das kann man so nicht sagen. Generell muss in Österreich Versiegelung reduziert und mehr saniert werden. Es geht darum, dass überall, wo trotzdem großflächig versiegelt wird, Ausgleichsflächen geschaffen werden. Ein Industriebau auf der grünen Wiese ist also genauso davon betroffen wie ein Gründerzeithaus in der Stadt.“ Wobei es im Gebäudebestand natürlich etwas schwieriger sei als im Neubau, weil man sehr genau auf die Gebäudearchitektur eingehen und genau feststellen müsse, wo man Chancen und Potenziale habe, zum Beispiel ob man den Boden entlang des Gebäudes irgendwo öffnen könne, um mit Seilsystemen und Kletterpflanzen arbeiten zu können. „Oder wenn kein Bodenanschluss herzustellen ist, was an der Fassade sonst an Begrünung möglich ist, beispielsweise mit Trögen oder fassadengebundenen Begrünungen (Living Walls).“ Schwierigkeiten im Bestand könne es auch bezüglich Denkmalschutz und Ortsbild geben. Enzi: „Eine moderne vorgehängt hinterlüftete Fassadenbegrünung passt unter Umständen nicht zu einem denkmalgeschützten Gebäude. Hier arbeitet man wahrscheinlich eher mit Selbstklimmern, wofür es historische Beispiele gibt. Es muss eben passen. Und man habe im Bestand auch das Limit der Statik: Speziell im Bereich der Fassade begrünen wir jedenfalls keine Gebäude, um damit irgendwie Bauschäden zu kaschieren, sondern die Fassade muss in einem einwandfreien Zustand sein, damit sie überhaupt begrünbar ist.“ Es gebe für viele Fälle entsprechende technologische Lösungen.

Kosten eine Frage des Vergleichs

„Bei Neubauten wie etwa im sozialen Wohnbau liegen die Kosten beispielsweise für eine extensive Dachbegrünung im Promille-Bereich und fallen somit unwesentlich ins Gewicht“, sagt Christian Oberbichler von Dachgrün. Detto die Kosten für bodengebundene, in ein Außenanlagen-Konzept eingebundene Fassadenbegrünungen. Demgegenüber sind wandgebundene vollflächige Begrünungssysteme verhältnismäßig kostenaufwändig, aber: „Hier darf man nicht vergleichen mit einer Putzfassade, sondern muss ,ausgestaltete Edelfassaden‘ aus Stein, Glas oder Aluminium zum Vergleich heranziehen – diese sind ebenso kostenintensiv, haben aber überhaupt keine Wirkung für das Klima und für das Wohlbefinden der BewohnerInnen, sondern erhöhen allenfalls noch den Energieaufwand bei der Bewirtschaftung des Gebäudes“, rückt Oberbichler die Kostenverhältnisse zurecht.

In der Errichtung am günstigsten ist ein Efeu oder ein Veitschi, bodengebunden gepflanzt. „Wobei der Efeu von den Pflegekosten her höher anzusetzen ist als ein Veitschi, da er ein sehr engmaschigeres Kontrollmuster erfordert“, erklärt Vera Enzi den Unterschied. Andererseits bringe der Efeu im Winter eine wärmende Wirkung mit, und er stelle ein ausgezeichnetes Vogelhabitat dar, aber: „Er gehört eben regelmäßig überprüft, ausgelichtet, Totlaub muss entnommen werden, damit die Fassade nicht vernässt, Fenster und Anschlüsse im Bereich Dachstuhl sind bei Bedarf freizuschneiden. Oder man errichtet entsprechende Überwuchssperren.“ Im mittleren Preissegment seien Begrünungen mit Rankhilfen angesetzt, im höheren Preissegment vorgehängt hinterlüftete fassadengebundene Begrünungen. „Der Pflegeaufwand jeglicher Begrünung wird maßgeblich durch eine gute Planung beeinflusst und reicht von ein bis vier Pflegegängen im Jahr“, so Enzi.

Für Sie gelesen in der OIZ.

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