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Nachhaltig bauen: Vom Experiment zum Wohnalltag
05 21

Nachhaltig bauen: Vom Experiment zum Wohnalltag

„Wir müssen bis 2050 die CO2-Neutralität schaffen. Dazu müssen wir Siedlungen und Städte als Gesamtheit betrachten“, sagte Renate Hammer, Geschäftsführerin am Institute of Building Research & Innovation, kürzlich bei der von der Forschungsplattform Reconstruct veranstalteten Onlinediskussion „Bauen für eine klimaneutrale Zukunft – Lösungen gesucht“. Das gilt für die beim Bau verwendeten Materialien ebenso wie für die Planung. 

Forschung am Bau 

Um neue Baustoffe und Systeme, aber auch zukünftige Wohn- und Arbeitsformen unter realen Bedingungen testen, weiterentwickeln und validieren zu können, hat etwa die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) an ihrem Sitz in Dübendorf bei Zürich ein modular aufgebautes Forschungsgebäude, genannt Nest (Next Evolution in Sustainable Building Technologies), errichten lassen. „Es geht um Qualität, Komfort, CO2-freies Bauen und den Betrieb“, sagt Peter Richner, stellvertretender Direktor der Empa. Das vom Zürcher Architekturbüro Gramazio Kohler geplante viergeschoßige Bauwerk ist als vertikale Stapelung von Bauparzellen konzipiert, die um einen zentralen Atrium- und Erschließungskern angeordnet sind. 

Auf ihnen können voneinander unabhängige ein- bis zweigeschoßige Bauten errichtet werden. Auf diesen experimentellen Wohn- und Büroflächen werden Besucher und Forscher der Empa flexibel und zentral untergebracht. „Die Bauten können zurückgebaut werden, womit wieder ein Bauplatz frei wird“, beschreibt Richner. Die technische Infrastruktur ist flexibel dimensioniert, da sich die Anforderungen an die Gebäudeausrüstung nach dem eingesetzten Modul richten. Bis zu 15 Lüftungsanlagen, 15 Heiz-/Kühlsysteme und 15 Elektroinstallationen müssen reibungslos funktionieren. 

Die dafür benötigte Energie stammt überwiegend aus regenerativen Quellen, verschiedene Speicher sorgen dafür, dass immer ausreichend Wärme, Elektrizität, Wasserstoff oder synthetisches Erdgas zur Verfügung stehen. So werden unter anderem solare Gewinne genutzt, Wärmepumpen heizen und kühlen das Gebäude und erzeugen Brauchwarmwasser. Im Sommer wird überschüssige Wärme für den Winter im Eisspeicher eingelagert. Batterien und Superkondensatoren speichern die solar erzeugte Energie. Die saisonale Langzeitspeicherung erfolgt über Wasserstoff, der mittels Elektrolyse hergestellt und über eine Brennstoffzelle rückverstromt werden kann. Der Wasserstoff wird zudem für den Betrieb von Brennstoffzellenfahrzeugen eingesetzt. Über die Gebäudeautomation werden die einzelnen Abläufe genauestens dokumentiert, gesteuert und aneinander angepasst. 

Technologie-Mix 

Doch nicht nur bei einzelnen Gebäuden rückt die Nachhaltigkeit in den Fokus, sondern auch bei ganzen Stadtteilen. In der Schweizer Kleinstadt Rotkreuz, zwischen Luzern und Zürich gelegen, entsteht etwa das autofreie Quartier Suurstoffi. Insgesamt 1500 Menschen sollen in dem neuen Stadtteil, der mittelfristig CO2-Stoffrei sein und ohne Energie von außen betrieben werden soll, leben, dazu kommen 2000 Studien- und 3000 Arbeitsplätze. 

In Wien entsteht in Kürze das erste urbane Plus-Energie-Quartier Österreichs. Aufbauend auf dem von der Stadt Wien 2017 verabschiedeten Fachkonzept „Produktive Stadt“ zeigt sich das von Immobilieninvestor Klemens Hallmann gemeinsam mit der Tochtergesellschaft Süba geplante Areal in der Pilzgasse in Wien Floridsdorf mit einer Flächenwidmung als „Gewerbliches Mischgebiet“: So kombiniert das dreiteilige Gebäudeensemble auf insgesamt 34.000 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche Wohnen, Arbeiten und Gewerbe. Neben dem Nutzungsmix weist das Projekt, das vom FFG-Forschungsprojekt „Zukunftsquartier 2.0“ wissenschaftlich begleitet wird, vor allem ein interessantes Energiekonzept auf, das vielfältige neue Technologien von Bauteilaktivierung über Erdwärme und Fotovoltaik bis zur Fassadenbegrünung und zu einem durchdachten Lüftungskonzept vorsieht. 

Der Start der Bauarbeiten ist für Ende 2021 geplant, die Fertigstellung des 110-Millionen-Euro-Projekts ist für 2023 avisiert. „Für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist es wesentlich, dass die zur Verfügung stehenden Flächen zukunftsorientiert genutzt werden“, meint Hallmann. Im Fokus stehe die Schaffung grüner und energieeffizienter Wohnungen. „In der Pilzgasse kombinieren wir diese mit Gewerbeflächen, speziell für produzierende Betriebe, die ebenfalls einen besonderen Stellenwert haben.“ Mit dem Green-Building-Konzept soll darüber hinaus ein Beitrag zu einem klimaneutralen Österreich geleistet werden. 

Auf einen Blick

Forschungs-Nest. Um neue Baustoffe und Systeme, Wohn- und Arbeitsformen unter realen Bedingungen testen, weiterentwickeln und validieren zu können, hat die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) bei Zürich ein modular aufgebautes Forschungsgebäude, genannt Nest (Next Evolution in Sustainable Building Technologies), errichten lassen.

Energie-Plus. Vom FFG-Forschungsprojekt „Zukunftsquartier 2.0“ wissenschaftlich begleitet wird das Projekt „Produktive Stadt“ in der Wiener Pilzgasse. das vielfältige neue Technologien von Bauteilaktivierung über Erdwärme und Fotovoltaik bis zur Fassadenbegrünung und zu einem durchdachten Lüftungskonzept vorsieht. Der Start ist für Ende 2021 geplant.

Autofrei. In der Schweizer Kleinstadt Rotkreuz, zwischen Luzern und Zürich gelegen, entsteht das autofreie Quartier Suurstoffi. Insgesamt 1500 Menschen sollen in dem neuen Stadtteil, der mittelfristig CO2-frei sein und dazu noch zusätzlich ohne Energie von außen betrieben werden soll, leben, dazu kommen 2000 Studien- und 3000 Arbeitsplätze. 

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